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Leserbrief: Kulturelle Unterschiede und Probleme der koreanischen Gesellschaft

Jooeun hat einen sehr langen Leserbrief im Gästebuch hinterlassen, für den ich mich herzlich bedanke. Ich möchte ihn auch den anderen Besuchern nicht vorenthalten und eine Diskussion in Form von Kommentaren ermöglichen, daher veröffentliche ich ihn nun an dieser Stelle.

Hallo Florian,

Der Komplimente, die auch bei mir von Herzen kämen, sind im Hinblick auf deine Seite von anderen Nuku-Gefährten bereits genug gewechselt. Als ich vor kurzem aus lauter Heimweh ganz gezielt nach Seiten über Süd-Korea suchte, bin ich deiner Homepage begegnet - die wohl beste Infoseite über Korea, welche den Alltag in Süd-Korea hautnah miterleben lässt und durch die bildhafte Beschreibung der Lebenspraxis einen befähigt, sich über ein unbekanntes Land ein besseres Bild zu machen.

Ich bin eine Süd-Koreanerin, die bis Mitte der 80er Jahre in Süd-Korea die berüchtigte konfuzianische Erziehung genießen „durfte“ und danach hier in Deutschland die westliche Kultur kennen gelernt hat. Wie sich bald herausstellte, lag mir die Geisteshaltung der abendländischen Kultur wohl schon immer näher. Durch deine Tagesberichte, oder besser gesagt dein Tagebuch, merke ich, dass Du jetzt in der koreanischen Alltagskultur etwas siehst, was du anfangs noch nicht sehen konntest. Wie du sicherlich auch mitbekommst, rebarbarisiert die eigene mitgebrachte Kultur zugleich auch die längst inkultivierte Kehrseite der fremden Kultur. Mit anderen Worten, sie hat gute und schlechte Seiten, Yin und Yan eben. Vor allem ist das Fremdartige einer fremden Kultur, also das, was einem am meisten stört, genau dasjenige, was einem selbst die größte Mühe bereitet, es zu begreifen, sofern man nicht selbst die Erfahrung machte, in einer ganz anderen Kultur geboren und aufgewachsen zu sein.

Ich bin schon seit 21 Jahren nicht in Korea gewesen und habe mich seitdem auch kaum für irgendwelche sozialen Veränderungen in Süd-Korea interessiert. Doch durch die immer stärker werdende Sehnsucht nach meiner Familie hatte ich dieses Jahr angefangen, über mein Heimatland Süd-Korea sehr viel ausführlicher zu recherchieren. Dabei halfen mir zwar einige andere gute Homepages, die umfangreiche wissenschaftliche Betrachtungen auf nahezu allen Ebenen anstellten, aber gerade aus diesem Grund immer unbrauchbarer wurden, weshalb es erst dein Tagebuch vermochte, gerade vor dem Hintergrund meiner eingestaubten Erinnerungen an Süd-Korea ein anschauliches Bild über das heutige Süd-Korea zu gewinnen. Meine Mutter, die seit Anfang der 90er Jahre wieder in Korea lebt, ist zwar der Meinung, dass sich allmählich eine sehr große positive Wandlung in Süd-Korea vollzieht, über die ich mich selbst sehr freue, dennoch, nach all meinen Recherchen auch in diversen koreanischen Zeitungen, bin ich doch etwas enttäuscht, dass sich so wenig verändert hat. Süd-Korea hatte zwar enorme wirtschaftliche Fortschritte zu verbuchen und damit internationale Weitsicht und kulturelle Großzügigkeit gewonnen, doch in den Köpfen der Koreaner im Hinblick auf ihre traditionelle konfuzianische Geisteshaltung sehe ich keine ernsthafte Veränderung. Vom Konfuzianismus gibt es sicher vieles, was ich den Europäern hier wärmstens empfehlen könnte, aber es gibt auch vieles, was die Koreaner in dieser Hinsicht von anderen Kulturen lernen könnten.

Ich denke, dass es einen Kulturkampf vom Typus Advokatus diaboli gibt, der mit dem Generationenkonflikt in Süd-Korea seit dem schwindelerregenden globalen Wirtschaftsboom zu tun hat, und welcher in latenter Form eher um den Kern der kulturellen Identität schwebt, anstatt ihn offen zu problematisieren. Der traditionelle, zu tief verwurzelte Konfuzianismus, dessen Praxis der ursprünglichen Grundidee widerspricht, erschwert das Umdenken und blockiert somit auch die vernünftige Kommunikation zwischen den beiden Generationen und zwischen den einzelnen Süd-Koreanern. Vor allem die Vergesellschaftung des konfuzianischen Denkens innerhalb eines immunisierten Kapitalismus setzt die einzelnen Koreaner noch stärker unter den sozialen Druck einer Wunschökonomie, so dass eine natürliche Form der Kommunikation noch schwieriger wird. Die Modernisierung der kulturellen Geltung erlangt dadurch keinen wirklichen Schub.

In koreanischen Schulen sind zwar zunächst organisatorisch die etwas andere, liberalere Erziehungsmethode als früher eingeführt worden, dennoch, ob die Koreaner die wahre Bedeutung wirklich erkannt und inkorporiert haben, erscheint mir doch sehr fraglich. Ich wünsche mir daher sehr, dass die Koreaner auch in diesem Bereich bald erkennen würden, dass die grundsätzlichen sozialen Probleme auf der Ebene der Kommunikation lauern.
Oder mit anderen Worten - ist die naive Bildgläubigkeit eines konfuzianischen Idealbildes denn überhaupt kompatibel mit der Realität der Omnipotenzphantasien einer Wirtschaft, wo andere Ideale zählen?

Es gibt sehr viele schöne Seiten im Zusammenleben und im Miteinander der Menschen in Süd-Korea, die ich hier in Deutschland oft vermisse, aber es gibt auch ein paar große Dissonanzen im koreanischen Denken, welches das Miteinanderleben unbeschreiblich schwer macht, was viele Koreaner in ihrer konfuzianischen Beschränktheit trotz all ihren persönlichen Unzufriedenheiten einfach nur erdulden. Die meisten Koreaner machen sich nicht einmal darüber Gedanken, wo wirklich die eigentliche Problematik liegt, um diese unnötige Schwierigkeit für alle aufheben zu können.

Dazu möchte ich ein paar Beispiele nennen, die im Großen und Ganzen in Süd-Korea noch üblich zu sein scheinen. Diese stammen aus meinen persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen mit der konfuzianischen Erziehung und aus persönlichen Geschichten aus dem privaten und aus dem öffentlichen Bereich. Die Beschreibungen der Beispiele sollen stets auf die Potentialität hinweisen, die in vielen koreanischen Familien und bei einzelnen Süd-Koreanern latent vorhanden sind.

Beispiele:

Kommunikationsblockade zwischen Eltern und Kindern:
Die Älteren haben das Rederecht und entscheiden. Die Jüngeren dürfen nicht frei dagegen Position beziehen. Frustration der Kinder, die sie sich letztendlich gegen sie selbst richtet und Gefühlsreaktionen in ihnen implodieren lassen, weil das in ihnen stark verwurzelte konfuzianische Verständnis sie in ihrem natürlichen Verhalten, ihrer natürlichen Urteilskraft, was richtig und falsch sei, einengt. Spätere potentielle Tendenz zum Dogmatismus. Statt Respekt schlechter Umgang mit den Familienmitgliedern und auch mit anderen Mitmenschen.
Demütigung statt Demut vor dem eigenen Selbstvertrauen, bedingt durch den streng lehrmeisterlichen Charakter des koreanischen Erziehungsstils. Die innere Instabilität schürt Gewaltpotentiale, die, werden sie dauerhaft gegeißelt, zu chronischer Depression führen können, dann aber oft als Geisteshaltung missverstanden.

Strenges Streben nach konfuzianischen Ideal-Menschenbild:
Klare Vorstellung der Rolle und des Verhaltens einer Frau und eines Mannes. Gegenseitige unrealistische, weil idealistische Erwartungshaltungen können die Kommunikationsprobleme noch mehr verstärken. Ständiger Vergleich und permanente Überprüfung des Fremd- und Selbstbildes mit dem Idealbild führt zu kontinuierlicher Selbstauslöschung. Schablonierte und mechanische Kritik gegenüber jenen, die vom allzu schablonierten und mechanischen Verhalten abweichen, anstatt mal die Schablonen zu überprüfen und diese zu kritisieren.

Das Problem bei der Heirat:
Eltern entscheiden letztendlich. Mögliche Verschlimmerung der Eltern-Kind-Beziehung. Möglichkeit zur Beendigung der Eltern-Kind-Beziehung, falls die Kinder ihre Entscheidung durchsetzen. Besonders Frauen stehen unter sozialem Druck. Bei der Wahl, welcher Mann der Richtige ist, entscheidet vor allem sein Hab und Gut, sein Beruf, seine Bildung, seine Manieren, dann erst das Aussehen und die Liebe. Daher neigen die Männer immer mehr dazu, ausländische Frauen zu heiraten, deren Beuteschema realistischer ist.

Hohe Scheidungsrate:
Die meisten lernen sich nicht so innig kennen, weil sie sich nicht so zeigen, wie sie wirklich sind, weil sie lieber dem konfuzianischen Idealbild und lieber der Erwartungshaltung der anderen gerecht werden wollen, denn ansonsten wird eine Person schlecht angesehen, und es besteht Ablehnungsgefahr. Hier achten auch besonders Frauen auf ihr „richtiges“ Verhalten, weil die Heirat von Frauen wichtiger erachtet wird als von Männern. Sie lernen sich erst nach der Heirat kennen, wenn sie endlich zusammenleben, oft erleben sie in dieser nahen Lebenssituation ihre größten Enttäuschungen.

Kinderlosigkeit:
Zuerst gilt: Sich existentiell abzusichern (was sehr viel Geduld und Zeit erfordert), erst eigene Eigentumswohnung bzw. eigenes Haus für die Zukunft anschaffen und auch die Kosten für die lebensnotwendigen Versicherungen decken können. Dieser normative Druck lässt die Gedanken an die eigene Familienplanung (finanzielle Versorgung der Kinder für die Bildung und für eine sichere berufliche Zukunft) bei den meisten Heiratsaltrigen in weite Ferne rücken. Kinder kriegen wird wegen der hohen Verantwortung beinahe als Zumutung oder als Belastung empfunden.

Florian, wenn Jimin sich gar nicht mehr gemeldet hat, hatte sie sicher auch ihre eigenen persönlichen Gründe und vor allem mögen die Eltern eine wichtige Rolle spielen. Sei aber nicht traurig, denn ihre Reaktion hat vielleicht am allerwenigsten mit ihrer Zuneigung zu Dir zu tun, sondern mit der konfuzianischen… na Du weißt schon. Es ist bei Koreanern üblich, dass, wenn sie einmal eine Entscheidung getroffen haben, diese nicht mehr in Frage stellen können - und ganz besonders in der Mann-Frau-Beziehung. Wenn eine Geschichte beendet ist, ist es damit meistens endgültig, obwohl sie auf der emotionalen Ebene vielleicht ganz anders handeln würden. Soviel zur Tragik der Liebe, was auch etwas Kosmisches hat, und was die Europäer seit dem ollen Goethe und Chopin ja so erfolgreich überwunden haben, weshalb für sie die Liebe kaum noch etwas Magisches hat, weil ihre Aufklärer ganze Arbeit geleistet haben. Koreaner vertrauen nach einer Zeit der trauten Zweisamkeit irgendwann auf den gemeinsamen Bund der Ehe und in dieser ganz privaten familiären Angelegenheit werden selbst unter Koreanern alle Etiketten (Beruf, Position, Bildung etc.) in Betracht gezogen: Da haben Ausländer allein durch die Herkunft zunächst einmal die allerschlechtesten Karten. Es ist zwar von Familie zu Familie und je nach der Situation unterschiedlich, wie sie darüber denken, aber in den meisten Fällen sind ausländische Schwiegersöhne und -töchter gar nicht gern willkommen. Es sei denn, die Kinder haben länger im Ausland gelebt und studiert, und der Schwiegersohn oder die Schwiegertochter ist entweder gut betucht oder genießt einen hohen sozialen Status (Beruf), erst dann wären die koreanischen Eltern bereit, die Heirat überhaupt in Erwägung zu ziehen. In Japan sollte es ähnlich schwierig sein.

Und die junge Frau von deinem Nachhilfeunterricht, die Dich plötzlich ignoriert, sah sich durch die mehrmaligen gemeinsamen Unternehmungen vielleicht eines (verliebten) Tages damit konfrontiert, einer für sie befremdlichen möglichen Realität (Liebesbeziehung mit einem Ausländer) nicht mehr ausweichen zu können und zieht sich lieber zurück, weil sie aus Angst gegenüber ihrer eigenen Kultur keinen anderen Ausweg sah.

Da die Koreaner gelernt haben, ihre innere Gedanken- und Gefühlswelt nicht nach außen zu zeigen, mögen sie auf andere geheimnisvoll wirken, in Wirklichkeit graut es ihnen davor, offen und unbefangen über ihre wahren Gefühle zu reden, aus Scham sich selbst und den anderen zu verletzen, sich selbst und den anderen zu überrumpeln oder eben dadurch selbst den Eindruck zu erwecken, unhöflich zu sein. Ich finde dieses Verhalten bei Koreanern, gerade in einer Liebesbeziehung, in jeder Hinsicht scheinheilig, weil sie sich nicht trauen, ihre Gedanken und Meinungen zu verkörpern. Aber im konfuzianischen Sinne bedeutet die innere Welt nach außen zu kehren Pein, Scham und Schwäche.

Also, Florian, nimm das unangenehme Unverständliche nicht zu persönlich, obwohl es dir nicht leicht fallen mag, weil du gegenwärtig nun mal dort lebst und immer wieder direkt damit konfrontiert wirst. Du weißt ja langsam, dass es auch in Süd-Korea viele verrückte Menschen gibt, über die man sich zwar ärgern kann, aber von denen einige so inkultiviert sind, dass sie eher komisch wirken. Du kannst schon sehr gut koreanische Schriften schreiben und ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und weitere Fortschritte in der koreanischen Sprache.

Selbsterfahrungstrips, Diskussionen und Fragen über koreanische Zumutungen verfolge ich in Zukunft mit großem Interesse.

Habe vielen Dank
Jooeun, Yi

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    Jan (Homepage) schreibt:

    Wie man sich denken kann, sehe ich einiges anders, vielem stimme ich aber auch zu... Letztendlich stört mich der Ansatz alles mit Kultur und Prägung erklären zu wollen sowohl, wenn man Korea verteidigt als auch wenn man die Gesellschaft angreift. Für jedes Beispiel, dass man bringt gibt es dutzende Gegenbeispiele. Für jedes Gegenbeispiel wieder dutzende Gegengegenbeispiele.


    Gitte schreibt:

    Mit der Kenntnis einer fremden Kultur wird der Blick auf die eigene immer kritisch. Ich finde, der Brief drückt eine typische Gyopo-Haltung aus: Kritik der koreanischen Kultur bis zum Anschlag, dabei wird oft gandenlose generalisiert und überhaupt - seit 20 Jahren nicht mehr in Korea gewesen, wie kann man sich solch ein objektiv getarntes Urteil überhaupt erlauben? Wenn Ausländer so über Korea reden, glaubt ihnen kein Mensch oder man wirft ihnen Einseitgkeit oder Voreingenommenheit oder einfach Unkenntnis vor und wird von Koreanern und Gyopos gleichermaßen verurteilt. Aber Gyopo beanspruchen für sich einen Sonderstatus, da sie ja angeblich beide Kulturen gut kennen. Viele der angesprochenen Dinge sind sicherlich richtig, wenn man sie mit 'westlichen' Augen betrachtet. Es geht aber darum, westliche/europäische Ansichten eben nicht als dominanten Standard zu etablieren, sondern das Eigene und Besondere in der fremden Kultur kennen und schätzen zu lernen. In Deutschland gibt es auch große Probleme, hier heiratet man ja zum Beispiel gar nicht mehr, und die Scheidungsrate ist trotzdem hoch und Kinder gibt es auch zu wenig, und im Fernsehen wird man mit den heruntergekommensten Familien konfrontiert. Kritisiert das jemand mit äußerster Verve und vor allem persönlicher Verletztheit und Bitterkeit? Probleme gibt es überall, und daß der Konfuzianismus immer als allumfassendes Erklärungsmodell herhalten muß, ist schon eine Vereinfachung an sich. Was ist der Konfuzianismus überhaupt? Sicherlich nicht das, was Konfuzius damals gelehrt hat, sondern irgendeine Form oder Auslegung dessen, die sich über die Zeit ständig verändert hat und schwer zu greifen ist. Ich finde, daß man auch in Betracht ziehen muß, wenn man koreanische Phänomene kritisiert, daß Korea in den letzten 100 Jahren eine Entwicklung durchgemacht hat, für die Europa mehr als doppelt so lange Zeit hatte. Deswegen sollte man nachsichtig sein, und vor allem sollte man nicht generalisieren, denn wie schon mein Vorredner sagte, gibt es immer Gegenbeispiele. Das war auch für mich ein Lernprozess, den man auf meinem Blog verfolgen kann. Korea ist anders, und daß "Korea" (oder die koreanische Gesellschaft) meiner Meinung noch nicht gut zu sich selbst und seiner Andersartigkeit stehen kann, ist wohl der Kern des Problems. Aber Korea ist auch noch nicht zum Stillstand gekommen, es ist ein pulsierendes und äußerst dynamisches Land, und auch, wenn ich keine persönlichen Erfahrungen damit habe, denke ich schon, daß sich das Land in den letzten 20 Jahren extrem verändert hat. Nur scheint das in westlichen, sich als 'überlegen' emfpindenden Augen eben nicht genug.
    Ich finde, daß daß Problem der Gyopo-Mentalität ist, daß man sich zwischen den Kulturen fühlt, einerseits die Heimat vermißt und andererseits in Deutschland (leider) nicht als gleich akzeptiert wird und immer anders bleibt. Dann muß die Entscheidung, warum man im Ausland lebt, mit Argumenten genährt werden, und oft geschieht das durch massive Koreakritik. Aber wie gesagt, ein Körnchen Wahrheit läßt sich überall finden, und der Balanceakt zwischen objektiver Kritik und Bescheidenheit ist schwer.


    Jan (Homepage) schreibt:

    Interessanter Punkt, Gitte!
    Das fällt mir auch immer wieder auf, dass Kyopos sich 1. das Gute an beiden Kulturen raussuchen und dann Korea runtermachen oder 2. Deutschland runtermachen und denken in Korea wäre alles besser

    Eine echte ausgeglichene Meinung, einen geerdeten Standpunkt vertreten meist weder Ausländer, noch Kyopos noch Koreaner...das ist schade.

    Aber dieser Eurozentrismus geht nun mal nicht aus dem Kopf heraus :)


    Friedrich (Homepage) schreibt:

    Beide Kommentare treffen es genau auf den Punkt!!! Noch etwas persönliches, ich will auch keinen Kontakt mit meinen Exfreundinnen...solches Verhalten, ob man es gut findet oder nicht, kann man auch in Deutschland finden.


    Hirschi (Homepage) schreibt:

    Ich denke, dass das grundlegende Problem der Analyse darin liegt, dass weder "reine" Europär noch Koreaner die Situation des jeweiligen Landes objektiv genug beschreiben können, weil sie einfach die von Gitte angesprochenen dominanten Standards zu sehr verinnerlicht haben. Selbst wenn man sich als weltoffener Mensch gibt, was im Regelfall auch viel mit Auslandserfahrung einhergeht, dann fehlt immer noch das tiefere Verständnis für die andere Kultur, da sich Elemente wie Familie, Arbeit oder auch Beziehungen nicht wirklich nacherleben und somit adäquat beschreiben lassen. Vor allem das erste und letzte Element sind einfach fundamentale Eigenschaften einer Kultur. Das äußert sich schon darin, dass Koreaner mit "ausländischen" anders umgehen als mit koreanischen Freunden - selbst wenn man sehr gut koreanisch spricht und die jeweiligen Standards kennt, wird einem meist latent vorgehalten, dass man in vielen Sachen ein "Unwissender" sei.

    Gittes Pauschalkritik an der "typische[n] Gyopo-Haltung" ist sicherlich zum Teil gerechtfertigt, aber im Kern treffen doch nahezu alle Aussagen von Jooeun zu - vielleicht ist das gerade das Schmerzliche welches von einigen Austauschstudenten bewusst unterdrückt wird. Und natürlich gibt es auch die positiven Seiten des Miteinanders in Korea, die sicherlich einen genauso langen Leserbrief wert wären oder alternativ ein Aufsatz über die Situation in Deutschland. Nur würde das den Anspruch eines Leserbriefs weit übertreffen und selbst ein Leitartikel in der Zeit wäre viel zu kurz um die positiven wie auch negativen Eigenschaften Koreas zu erläutern. Damit möchte ich eigentlich nur sagen, dass eine einseitige Darstellung nicht zwingend zu einer Kritik mit "persönlicher Verletztheit und Bitterkeit" führen muss. Das zu unterstellen finde ich schon ziemlich gewagt, wenn auch die Erfahrung lehrt, dass mancher Gyopo dies gerne heraushängen lässt...

    Einen letzten Punkt möchte ich gerne noch ansprechen, weil es doch symptomatisch für diese Diskussion ist: "Nur scheint das [Veränderungen in Korea] in westlichen, sich als 'überlegen' emfpindenden Augen eben nicht genug."
    Nur ein Beispiel: Korea hat im wesentlichen gigantische Schritte in der Ökonomie hingelegt, aber sich dadurch auch in eine Situation manövriert, die jüngere Generationen immer stärker von älteren abkoppelt. Die inkrementellen Fort- und Rückschritte, die in diesem Zug gesellschaftlich erreicht wurden, hängen mit jedem Jahr deutlicher hinter denen der wirtschaftlichen Fortschritts zurück. Ein Koreaner (ca. 28, Diplomatensohn, Masterstudiengang) hat mir sehr eindrucksvoll erzählt, dass er selbst mit Studenten, die nur vier Jahre jünger sind Diskussionen führen muss, die er damals in dieser Form nicht mit von ihm aus vier Jahre älteren Studenten geführt hätte. Das ist eigentlich falsch ausgedrückt: Er hätte nicht einmal daran gedacht so eine Diskussion zu führen! Daraus lässt sich zwar ein dramatischer Umschwung in den Köpfen erkennen, aber kennzeichnet auch den massiven Unterschied zwischen alt und jung.
    Eine relative Betrachtungsweise würde das Bild zwar besser darstellen, aber nichts an den großen Problemen ändern die die Gesellschaft hat. Von der anderen Seite thematisieren manche Koreaner Probleme, die sie in Deutschland sehen, welche uns z.B. gar nicht bewusst sind bzw. so verstanden werden (auch vice versa). Das ist auch der verhaltene Tenor, den man von vielen koreanischen Austauschstudenten hören kann.

    Nun ja, soviel zu dem Thema... Grüße aus dem sonnigen Regensburg :)


    sca schreibt:

    Erstmal vielen Dank für diesen mutigen Beitrag von Jooeun Yi, der viel erklärt, auch vor sogenannter "Nestbeschmutzung" nicht zurückschreckt und offensichtlich die deutschen Leser stark polarisiert (siehe vorige Kommentare).

    In der Tat versucht Korea gerade einen wahnwitzigen Spagat zwischen wirtschaftlichem Erfolg und gesellschaftlicher Harmonisierung unter gleichzeitiger Beibehaltung traditioneller Denkweisen und Rollenbilder hinzubekommen. In anderen Ländern, insbesondere in Westeuropa, sind solche wirtschaftlichen Entwicklungen fast immer in langen Zeiträumen und mit gesellschaftlichen Veränderungen einhergegangen. Beispiel: Das Zeitalter der europäischen Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts konnte erst stattfinden, nachdem das Bürgertum erstarkt war und sich zunehmend von Adel und Klerus emanzipierte. Mit der finanziellen Unabhängigkeit des Bürgertums fanden auch neue geistige Strömungen einen Nährboden. Umgekehrt ging (bzw. geht) das nicht in der Geschichte: erst die Theorie vom Sozialismus/Kommunismus bei Marx und Engels, dann 80 Jahre später der durchgeplante gesellschaftliche Umbau in Sowjetrussland und anderen Ländern. Da fehlte es zwar nicht am Bedürfnis, etwas in der Gesellschaft verändern zu wollen, aber die Idee des Kollektivismus widersprach der menschlichen Eigenart, etwas allein besitzen zu wollen.

    Nun kann man die europäische Geschichte ganz sicher nicht 1:1 auf andere Kulturen übertragen. Als historisch-evolutionäres Leitbild (Marx, ick hör dir schon wieder trapsen!), dass bestimmten Mustern, Ideen und "Klassenkämpfen" (naja, nennen wir es "Folge von Generationenkämpfen") von Zeit zu Zeit in der Geschichte folgt, mag es aber hinreichend als Erklärungsmodell dienen.

    Die jüngere koreanische Generation wird sich dieses Festhalten an überlieferten Formen des Zusammenlebens innerhalb der Familie und Partnerschaften angesichts gewachsener Konsumwünsche, steigender persönlicher Unabhängigkeit und eines selbstbewussteren Umgangs mit anderen Menschen auf Dauer nicht gefallen lassen, von der sooft beschworenen "Tradition" bei privaten Entscheidungen gängeln zu lassen. Dafür sorgen schon die Helfershelfer der globalisierten Welt: zunehmende mediale Vernetzung, zielgruppenrelevantes Marketing und Erschließung neuer Märkte. Die Wirtschaft kann mit dem Begriff "Tradition" nichts anfangen, solange man damit kein "Image" oder eine "Marke" verkaufen kann. Auch wirkt das so heftig von beiden Seiten attackierte "hierarchische Denken" innerhalb der koreanischen Gesellschaft vielleicht hemmend auf die einzelne Person, aber als gesellschaftliches Phänomen betrachtet, übernimmt es doch eine ordnende Funktion. Jeder Koreaner kennt seinen Platz in der Gesellschaft. Das widerstrebt zutiefst dem europäischen Gleichheitsgedanken, aber warum sollte denn dieser das Allheilmittel für alle Probleme auf dieser Welt sein?

    Insofern würde ich diese Debatte über kulturelle Unterschiede gern noch einmal in 20 Jahren führen und mir anschauen, ob sich "fremde Kultur" nicht in Diskussionen über die Länge der Reisezeit in ein anderes Land oder der Suche nach der besten Übersetzungssoftware für die Landessprache erschöpft. Die Evolutionstheorie Darwins ließe sich mit einigen Modifikationen auch auf menschliche Formen des Zusammenlebens übertragen. Mal sehen, wer der Stärkere ist und sich durchsetzt - Tradition oder Kapitalismus. Wie viele Reste des sogenannten "Weltkulturerbes" man dann noch bei den Menschen auf den verschiedenen Kontinenten finden kann, wie viel sie über das Leben und die Bräuche ihrer Vorfahren wissen, und wie viele Kulturträger (Essen, Musik, Feste, etc.) als "unangepasste Lebensformen" in einem Online-Museum zur Belehrung und Erbauung nachfolgender Generationen ihren Platz finden... wer weiß?!


    gitte schreibt:

    spannende diskussion, wirklich. merci korea-blog community.
    es ist ja nicht so, dass nur obiger beitrag polarisiert. es ist das ganze land. entweder man hasst es oder man liebt es - ein zwischending scheint fast unmöglich. meiner meinung nach kommt das u.a. daher, dass korea im westen relativ unbekannt ist und eben nicht wie china und japan große, weltbekannte kulturelle schätze und extrem schöne landschaften vorzuweisen hat. deswegen muss man immer erstmal erklären, warum man sich für korea interessiert. und automatisch nimmt man die verteidigerposition ein (die ich selber auch hasse, und selber will ich auch nicht in den stereotypen einmal-in-korea-austauschstudent-und-jetzt liebhaber-typ gezwängt werden. denn so einseitig ist mein korea-bild nicht). für mich ist korea ein land, ganz grob gesagt, mit vielen guten und auch vielen schlechten seiten - aber warum reicht es nicht einfach, von diesem land fasziniert zu sein, genauso, wie man frankreich toll finden kann, auch wenn da viele dinge nicht so gut laufen? kuba-freunde werden doch auch akzeptiert, oder müssen die sich etwa auch ständig rechtfertigen? ich verstehe nicht, warum korea so polarisiert. weil es generell sehr unbekannt ist?

    mit meinem kommentar oben war mir völlig bewusst, ein einseitiges bild zu zeichnen, und nicht jeder gyopo ist gleich. für uns deutsche ist das ja eine völlig neue gesellschaftliche gruppe, die es in deutschland nicht manifestiert gibt (wer spricht schon von auslandsdeutschen, und was haben die überhaupt noch mit deutschland zu tun?) aber es gibt eben typen, genauso, wie es die korea-verteidiger-typen gibt. gypo sind ein spannendes phänomen, weil man sich scheinbar der koreanischen kultur nicht entziehen und entsagen kann. und klar spricht obiger beitrag viele wahrheiten an - aber man kann seine beobachten auf viele arten und weisen bewerten, und jooeun bewertet interessanterweise "mit westlichem blick", dem die meisten anderen beitragschreibenden zu widerstehen versuchen.


    Jan (Homepage) schreibt:

    Oh man Gitte! Diesen ersten Absatz könnte ich GENAUSO geschrieben haben bzw. ich habe ihn mal sehr ähnlich geschrieben, weil mir das ständig auf die Nerven geht...aber das mit den schönen Landschaften will ich mal ungehört lassen...Komme grad aus Chungju zurück..:D

    Staendig mss man sich rechtfertigen dafuer, dass man hier (fast) keine Probleme hat, dafuer dass einem die schlechten Dinge eben nicht die Laune vermiesen und dass man hier trotz Großstadt, Luftverpestung etc. ein schoenes und gemuetliches Leben fuehren kann.

    Was du zu Extrema sagst, ist auch absolut zu unterstreichen. Ich denke das Problem Koreas mit diesen Extremen ist ironischerweise gerade das, dass Korea obwohl selbst extremevereinend, für andere doch immer ein Mittelding ist:

    Nicht groß, nicht klein - nicht richtig Industrienation nicht richtig Schwellen/Entwicklungslad - nicht kulturell einzigartig, aber auch nicht unbedeutend - Korea ist einfah in allen Bereichen irgendwo in der Mitte eingeklemmt.


    Christoph schreibt:

    Liebe Jan, liebe Gitte

    Ihr scheint ja längst in der Globalisierung angekommen zu sein, um jede Kultur als Disneypark verstehen und erleben zu können. Korea ist schön und der Eifelturm ist auch schön. Das ist die bescheuerte Selbstzensur der Europäer, weshalb die europäische Kultur IM GEGESATZ zur konfuzianischen Kultur nicht die geringste Chance hat, wenn wir es schon Europäern wie Euch nicht vermitteln können, dass die Entfaltung des Begriffs der Kultur eine historische Leistung ist und eben nicht das dumpfe Andringen einer Kultur, die man für Kultur hält. (beide sind doch monotheistische Kulturen, nicht wahr? – nur hieß der eine Prophet Konfuzius und der andere Christus, wenn da nicht Welten aufeinanderprallen, halb so schlimm, denn Jan und Gitte scheinen den Werbesprüchen der Wirtschaftsbosse als Propheten einer globalen, vollständig disneyfizierten Weltkultur mehr zu vertrauen als sich selbst und reden ihnen lieber nach den Mund. Multikulti – Alles wunderbar! Toyota –Alles ist möglich! Kultur kann nur in dem Maße den Status erlangen, Kultur zu sein, wie sie auf die eigenen Übertragungsdynamiken ausgerichtet ist. Also woher stammt das fehlende Eingeständnis von Jan und Gitte gegenüber ihrer eigenen Kultur? Sind Europäer tatsächlich so naiv zu glauben, dass die Kultur eine Erfindung von Walt Disney war? Der europäischste Satz, den ich bei Jooeun entdecken konnte, und nur auf diesem Niveau lässt sich der Artikel von Jooeun überhaupt aus der Sicht eines Europäers kritisieren: „Die eigene mitgebrachte Kultur rebarbarisiert zugleich auch die längst inkultivierte Kehrseite der fremden Kultur.“ Weiterhin viel Spaß im Disney- und Erlebnisland Korea!
    p.s.: Der Hamburger Architekt Meinhard von Gerkan plant gerade eine Stadt für 800 000 Chinesen, doll was?


    Stefan (Homepage) schreibt:

    Jooeun, vielen Dank für deinen Brief!

    Dass nur wenige Kommentare auf den Inhalt eingehen, liegt wohl weniger daran, dass es da nichts zu diskussieren gäbe, sondern wohl vor allem daran, dass wir aus dem deutschen Sprachraum Stammenden uns ständig fragen, ob wir denn überhaupt in einer Position sind, mal ganz ehrlich sagen zu dürfen was wir denken. Verstehen wir Korea denn gut genug, um eine Meinung zu haben? Sind wir nicht viel zu voreingenommen? Sind wir nicht durch unsere Sozialisation in Deutschland so anders, dass wir eine asiatische Gesellschaft einfach nicht verstehen können? Nun gut, dass auch Koreaner nicht unvoreingenommen sind, wurde ja bereits erwähnt. Und Kyopos, so wurde festgestellt, haben auch eine ganz eigene Brille. Wer darf sich denn dann zu Korea äußern? Und würden wir ihr/ihm dann glauben (und unser eigenes Nachdenken einstellen), wenn wir wüssten, wer es wäre? Wenn der Austausch von Meinungen und Interpretationsansätzen das Verständnis befördern kann, dann müssen wir das auch tun und dürfen uns nicht ständig selbst zensieren durch Zweifel an der Möglichkeit einer objektiven Erkenntnis. Die gibt es nämlich nicht.

    Was haltet ihr denn davon, was Jooeun geschrieben hat?


    Sydney Experience schreibt:

    interessanter artikel und interessante kommentare: lebe seit einigen monaten mit mehreren koreanern in sydney zusammen und ich muss leider bestaetigen, dass die im leserbrief genannten eigenschaften zu langfristig extremen konflikten fuehren, andererseits ist nicht jeder koreaner gleich und so habe ich neben den problemen auch eine wunderbare koreanerin kennengelernt mit der ich eine unglaublich schoene zeit habe.

    gruesse aus sydney.

     

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